30 Jahre Football in Graubünden

Heute Dienstag, 25. Mai 2021, ist für den Bündner Sport ein besonderer Tag. Genau vor 30 Jahren wurden im damaligen Hotel Falknis in Landquart die Calanda Broncos – damals noch als Landquart Broncos – gegründet. Zum Jubiläum gründen die Bündner Footballer eine Alumni-Organisation. Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte Bündner Sportgeschichte wider aller Logik in acht Akten.

Anfangs von allen Seiten belächelt, wurden die Bündner zwei Jahre lang in brutaler Deutlichkeit auseinandergenommen: 0:55, 0:73, 0:63 – nur um drei Beispiele zu nennen – gingen die Bündner Wildpferde in ihrer ersten Saison in der dritthöchsten Schweizer Liga unter. Kein Wunder, schienen die Broncos einem schnellen Tod geweiht. «Wir waren wirklich schlecht», erinnert sich Initiant Marcel Brändli an die Anfangsjahre, «aber eigentlich war das auch klar. Wir hatten keinen Coach, so gut wie keine Spieler, die schon mal Football gespielt hatten, und überhaupt, eigentlich keine Ahnung, was wir da taten.» Dabei ist Football – wie fast alle Sportarten und wie auch die Broncos schmerzlich erfahren mussten – einigermassen leicht zu lernen, aber äusserst schwierig zu ‚mastern‘. Dazu kommt, dass das Zusammenspiel von (damals 20, heute gegen) 50 oder mehr Spielern einer exakten Strategie und einer besonders ausgeklügelten Führung bedarf.

Ein mehrheitlich bitteres erstes Jahrzehnt

Viele Spieler aus den Anfangsjahren warfen den Bettel hin, nachdem sie Woche für Woche auf dem Feld «verprügelt» wurden. Die, die dabei blieben, erlebten zwei Jahre später beim 32:20-Sieg in Wohlen den ersten heroischen Moment in der Klubgeschichte. Wiederum zwei (erfolgreichere) Jahre später gelang erstmals der Aufstieg in die höchste Schweizer Spielklasse.
Die Geschichte setzte sich in der NLA fort: Nach einer sieglosen Premieren-Saison tasteten sich die Broncos 1997 ans Mittelfeld heran, um 1998 und 1999 erstmals ins Schweizer Endspiel einzuziehen. Das sportliche Rezept von damals hat bis heute Gültigkeit behalten: Dies Basis muss ein starker Stamm aus einheimischen Spielern sein, dazu braucht es ein bis zwei überragende (naturgemäss meist nordamerikanische) Coaches und Import-Spieler, dazu eine Handvoll ausgewählter Verstärkungen aus der Schweiz oder nahen europäischen Teams.
In diese Epoche Ende des letzten Jahrtausends fiel bei den Broncos auch der Aufbau einer U19-Equipe, was den Grundstein für grosse Taten, die noch folgen würden, legen sollte. Die Broncos waren aber noch nicht breit genug aufgestellt (sowohl organisatorisch wie auch bezüglich der Anzahl kompetitiver Footballer aus der Region), um diese Formel nachhaltig fortzuführen: Nach zwei bitteren Final-Niederlagen gegen den damaligen Erzrivalen aus St. Gallen implodierten die Broncos und mussten in der NLB einen neuen Anlauf nehmen.

Aus dem Nichts an die Schweizer Spitze

Die Broncos taten, was sie schon immer taten und was sich auch in der Folge auszeichnen sollten: Dran bleiben! Mit aufgefrischtem Kader gelang zum 10-Jahr-Jubiläum die Rückkehr in die NLA, 2002 qualifizierte man sich wieder für die Playoffs, ehe die «Wildpferde» 2003 wie aus dem Nichts den ersten Schweizer Meistertitel gewannen. «Es ist und bleibt eine der grössten Sensationen, die es nicht nur im Football, sondern im Sport je gab», so der damalige Headcoach Marcel Brändli, der nach einem Dutzend Jahren aufopferungsvoller Arbeit in diversen Funktionen
2004 später versuchten sich die Broncos erfolglos im Eurobowl, dem höchsten europäischen Klubbewerb, dem sich die Schweizer Meister normalerweise nicht stellten. Allerdings zeigte sich auch, dass die Broncos immer noch zu wenig gefestigt waren: Nachdem ein halbes Dutzend Teamstützen 2005 zu Winterthur gewechselt waren (und dort prompt Meister wurden), implodierten die Bündner erneut und stiegen in die NLB ab.

Ein neuer Anlauf

Die Bündner Stehaufmännchen nahmen einfach einen neuen Anlauf, qualifizierten sich gleich 2006 und 2007 für den NLB-Final, wo sie im zweiten Jahr mit einem jungen Team auch siegten und wieder in die NLA aufstiegen. Diesmal war die eigene Basis breiter, zudem standen in der U19 Talente wie Lukas Lütscher, Marco Mahrer, Kai Takahashi und Nate Fellberius im Team, die die Schweizer Footballszene im bevorstehenden Jahrzehnt nachhaltig prägen sollten.
Unvergessen auch die Challenge, die die Broncos 2007 bewältigten, innert drei Tagen zwei Spiele gegen US-amerikanische College-Football-Teams zu bestreiten, die auf einer Europa-Tour waren. «Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, jede Herausforderung anzunehmen, sei sie noch so gross. Den schwierigen Weg zu gehen hat den Charakter des Vereins geprägt», erinnert sich Marcel Brändli.

Der totale Triumph 2010

Was danach folgte, war eine in der 35-jährigen Schweizer Footballgeschichte einmaligen Erfolgsserie, die neu nach Chur dislozierten und sich in Calanda Broncos, nach dem Hausberg im Bündner Rheintal, umtauften. Seit 2008 qualifizierten sich die Broncos seither jedes Jahr für den Swiss Bowl. Aus den 13 Final-Teilnahmen sind 10 weitere Schweizer Titel hinzugekommen, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Angefangen bei der Rückkehr an die nationale Spitze beim dramatischen TV-Spiel gegen die Zürich Renegades 2009 folgte der 2010 der absolute Triumph. Die Broncos holten sich 2010 nicht nur als erste Schweizer Meisterschaft den EFAF-Cup, den damals zweitgrössten europäischen Wettbewerb, sondern gewannen auch die nationale Meisterschaft ohne eine einzige Niederlage und wurden auch in der prestigeträchtigen U19 Schweizer Meister. Ein Triple, das die bevorstehende Dominanz der Broncos im folgenden Jahrzehnt ankündigte.

Mit Import-gespicktem Kader zum europäischen Titel

Die darauffolgenden Jahre waren geprägt von den Anstrengungen des damaligen Präsidenten Walter Tribolet, die Broncos nicht nur zur Nummer 1 im EFAF-Cup zu machen, sondern den höchsten Football-Gipfel auf dem Kontinent zu erklimmen. Die Kluft zu den rund zehn «Profi-Teams» Europas war immer noch ziemlich gross, und so machten sich die Broncos bald einen Namen darin, ihr Kader mit Top-Spielern von nah und fern zu verstärken. Die Schweizer Meisterschaft entwickelte sich dabei zur Aufwärmliga für die Star-gespickten Bündner, die auf nationaler Ebene nebenbei mehrere Jahre lang ungeschlagen blieben.
2012 ging der grosse Traum der Broncos-Organisation in Erfüllung: Vor über 4000 Zuschauern in Vaduz entthronten die Broncos die grossen Vienna Vikings im Eurosport-Live-Spiel und holten sich den Eurobowl, die höchste europäische Football-Krone.

Die Brücke zum nachhaltigen Verein

Nicht wenige Football-Experten prophezeiten den Broncos eine Wiederholung der Geschichte, nachdem Präsident Tribolet sein Amt 2014 aufgab und in die USA auswanderte: Ein Zusammenbruch, ein (Zwangs-Abstieg) oder Ähnliches, was den Bündner zugegebenermassen schon zweimal passiert war und auch bei anderen europäischen Teams mit ähnlicher Konstellation schon mehrfach geschehen war, schien unvermeidlich. Die Ausgangslage war allerdings eine ganz andere: Die Bündner verfügten über ein Wettkampf-erprobtes, einheimisches Kader und eine funktionierende Nachwuchsabteilung, die mittlerweile auch durch eine erfolgreiche U16- und eine U13-Equipe ergänzt worden war. Dazu hatten die Bündner das Glück, von einer umsichtigen frischen Vorstandsequipe angeführt zu werden, der es vorzüglich gelang, die Brücke zu den «neuen Broncos» zu bauen. «Es waren viele Baustellen, die wir aufräumen mussten. Wir hatten aber immer noch viel Know-how und starke Schweizer Spieler an Bord», erinnert sich Vizepräsident Daniel Zinsli, Broncos-Mitglied aus erster Stunde und einer tragenden Säulen als Assistant Coach und hinter den Kulissen, «wir hatten zudem meist das Glück, gute ausländische Verstärkungen zu finden und 2015 mit Geoff Buffum – der uns 2012 schon zum Eurobowl-Sieg geführt hatte – den für uns besten Headcoach überhaupt wieder zu engagieren.»
Unter dem Erfolgscoach gelang den Broncos die Transformation zu einem nachhaltigen Klub «Schweizer Grösse», bestehend aus 90% Spielern aus der Region, eindrücklich. Seit der Rückkehr Buffums gewannen die Broncos vier weitere Meistertitel (2015, 2016-2019), dazu den Herbstcup im letzten (Corona-)Jahr. Auch europäisch arbeiteten sich die Broncos ohne Import-Schwemme fast ganz nach oben: Im CEFL-Europacup-Final 2019 scheiterten die Bündner erst ganz bitter nach einer Schiedsrichter-Fehlentscheidung in den Schlusssekunden.

Und wie gehts nun weiter?

In der Schweiz ist American Football immer noch eine Randsportart, auch wenn sich die NLA bezüglich Professionalität und Zuschauerinteresse durchaus mit den Top-Ligen im Handball oder Unihockey messen kann. Durch die Swiss-Olympic-Anerkennung als J&S-Sport, viel Drive in der neuen Verbandsführung, guter Arbeit in den Top-Vereinen und einem neuen «Wir-Gefühl» für die Sportart scheint der Weg auch in der Schweiz nach oben zu zeigen. Europaweit gilt Football als eine der aufstrebendsten Sportarten überhaupt, zumal in den letzten Jahren vereinzelt auch europäische Spieler den Weg in die höchsten College-Ligen und gar in die übermächtige NFL – die grösste Sportliga der Welt – finden. Dass ein American-Football-Klub aus einer kleinen Stadt wie Chur dabei national und international seinen Stempel aufdrücken kann, ist im Grunde ein Märchen, das nur der Sport so schreiben kann.
Und wann ist es zu Ende? «Eine grosse Spieler-Generation nähert sich bei uns dem Ende ihrer Karriere», gesteht Daniel Zinsli ein, «ein Umbruch wird in den nächsten Jahren sicher stattfinden. Diese Herausforderung ist für uns aber sowieso eine Daueraufgabe. Die Konkurrenz ist stark und man muss jeden Tag dranbleiben, wenn man oben bleiben will.» Auf der Haben-Seite sind für die Broncos nach 30 Jahren nicht weniger als 24 Titel:
  • 11 Schweizer Titel mit der ersten Mannschaft (10x NLA und 1x Herbstcup)
  • 2 europäische Titel (Efaf-Cup 2010, Eurobowl 2012)
  • 6 Vollkontakt-Nachwuchs-Titel (3x U19, 3x U16)
  • 5 Flag-Football-Nachwuchs-Titel

Mit bewährten Kräften in die Jubiläumssaison

Die Basis und die Konstanz sind auf jeden Fall auf einem anderen Level als früher: Der Vorstand wird ein weiteres Jahr von Präsident Christoph Sünderhauf angeführt, Headcoach Geoff Buffum und sein Assistent Alexander Durazo stehen ein weiteres Jahr an der Seitenlinie der Broncos, die US-Verstärkungen Conner Manning (Quarterback) und Max Gray (Safety) aus der vorletzten Saison sind ebenfalls zurück und aus dem Nachwuchs ist auch in den nächsten Jahren kontinuierlicher Nachschub zu erwarten: Beide Vollkontakt-Juniorenteams standen letzte Saison im Schweizerischen Endspiel. Das nächste Kapitel darf geschrieben werden.
PS: Die Herausforderungen für die Broncos gehen nach dem 30. Geburtstag von heute in Bälde weiter: Am Sonntag, 13. Juni, sind die Schwäbisch Hall Unicorns, Vizechampion der German Football League, im Rahmen der Central European Football League an der Churer Ringstrasse zu Gast. Am 20. Juni folgt dann gegen die Geneva Seahawks, letzter Swiss-Bowl-Finalgegner der Broncos 2019, der Auftakt zur NLA-Saison 2021.

Calanda Broncos gründen Alumni-Organisation

Über 1000 Footballerinnen und Footballer aus der Region haben in den letzten 30 Jahren bei den Broncos Football gespielt, über 800 haben sich dabei in Ausrüstung an Vollkontakt-Football gewagt. Zum 30-Jahr-Jubiläum gründen die Broncos eine Alumni-Organisation, zu der alle ehemaligen Spieler, Funktionäre, Betreuer und Coaches Zugang haben. Den Startschuss macht ein Alumni-Gründungsfest anlässlich des Heimspiels vom 21. August 2021 an der Churer Ringstrasse gegen die Bern Grizzlies. Alle Ehemaligen sind kostenlos zur Gründungsparty und zum Spitzenspiel eingeladen, Anmeldungen sind ab sofort unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! möglich.

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